Lindenhof und Brunnenhof

Individuelles Wohlbefinden für Menschen mit Demenz

Die Wohngruppen Lindenhof und Brunnenhof heben sich bewusst von Einrichtungen mit geschlossenen Wohnbereichen ab. In den offenen Wohngruppen versuchen wir, demenziell erkrankten Senioren ein Leben „fast so wie Zuhause“ zu ermöglichen. Wir begegnen ihnen respektvoll in dem Wissen, dass auch Menschen mit Demenz weitgehend ein selbstbestimmtes Leben führen können.
   
Auf der Grundlage von Menschlichkeit, Zuwendung und Verständnis wirken alle zusammen: Bewohner, Mitarbeiter, Angehörige, ehrenamtlich Tätige und Besucher.

Bei der Neugestaltung der Räumlichkeiten, wie Gemeinschafts- und Aufenthaltsräumen, Therapieräumen mit Küchen und selbstverständlich auch der einzelnen Zimmer, wurde darauf geachtet, durch Materialien, Farben und Ausstattung eine wohnliche, angenehme Atmosphäre entstehen zu lassen. Von den Aufenthaltsräumen gelangen die Bewohner direkt auf die verschiedenen Terrassen bzw. die geschützten Innenhöfe. Der Garten der Lindenhof Wohngemeinschaft wurde nach neuesten Erkenntnissen der Altenforschung angelegt.

Bild: Zeigt den Garten des Lindenhofes
Der Lindenhof-Garten - ein Kleinod
Bild: Zeigt die Kräuterschnecke im Garten des Lindenhofes

Angehörige als zweite Opfer der Demenz

Angehörige als zweite Opfer der Demenz

Gesprächskreis „Zeitensprünge“ kümmert sich um Verwandte von an Demenz erkrankten Senioren

Geschichten wie diese geschehen Tausendfach in Deutschland: Sohn oder Tochter kümmern sich aufopferungsvoll um ihre demenzkranken Eltern. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.
Doch irgendwann – mit Fortschreiten der Erkrankung – kommt der Moment, in dem man begreift: Ich schaffe es nicht mehr, Mutter oder Vater müssen ins Pflegeheim.

Nicht nur für die Senioren, sondern auch für die Angehörigen eine belastende Situation. Für ihre Nöte und Sorgen gibt es die Selbsthilfegruppe „Zeitensprünge“.
Eine alltägliche Situation: Eine Tochter betreut ihre Mutter im gemeinsamen Haushalt. Die demenziell erkrankte Mutter findet sich im vormals vertrauten Umfeld nicht mehr zurecht.

Eines Nachts schreckt die Tochter hoch. War da nicht ein dumpfer Schlag? Sie schaut nach und sieht, dass die umherwandernde Mutter einen schweren Spiegel abgehängt hat.

Fast wäre er ihr auf den Kopf gefallen. Schlagartig wird der Tochter klar: Ich kann die Sicherheit meiner Mutter nicht mehr garantieren. Sie braucht eine Rundumversorgung im Pflegeheim.
Schilderungen wie diese sind Angelika Kraus aus der Selbsthilfegruppe „Zeitensprünge“ der Seniorenwohnanlage am Hubland Würzburg vertraut: „Die Angehörigen sind die zweiten Opfer der Erkrankung“, sagt die Psychotherapeutin „deshalb wird der Selbsthilfe-Treff für das entlastende Gespräch gerne wahrgenommen.

Es gab bisher hier keine Anlaufstelle für Angehörige, dabei brauchen sie dringend eine Lobby.“
Die Sorgen, die zum Ausdruck kommen, sind vielfältig. Da ist die Unsicherheit über den Entschluss, Mutter oder Vater ins Pflegeheim gegeben zu haben: „Viele haben ein schlechtes Gewissen, besonders wenn sich die Familie nicht einig war, ob nun eine Heimpflege nötig ist oder ob es noch in der Familie in gewohnter Umgebung weitergegangen wäre“, so Kraus.
Laut einer bundesweiten Studie sind 78 Prozent der daheim Pflegenden Frauen. Und 86 Prozent fühlen sich mittel- bis hochgradig psychisch belastet: „Es ist ein emotionaler Kraftakt, einen dementen Menschen, den man liebt und immer zur Seite gestanden hat, anderen Menschen anzuvertrauen“, so Kraus.
Eine große Sorge der Angehörigen: Werden Vater und Mutter im Pflegeheim gut betreut? Das Bild der Seniorenheime hat sich wesentlich gewandelt. Mittlerweile ist die Begleitung eines demenziell Erkrankten äußerst individuell: „Wir wollen die Senioren aktivieren, Normalität herstellen“, sagt Matthias Rüth, Heim- und Verwaltungsleiter der Einrichtung am Hubland.

Oft genügt hier ein kleiner Impuls, zum Beispiel ein Waschbrett und Kernseifenlauge, um Erinnerungen abrufen zu können.

Sie wissen meist noch wie Wäsche waschen früher ging, wie Butter und Brot zubereitet wurde und wie man für die große Familie einkochte: „So bieten gezielte, lebendige Erinnerungsimpulse oder Schlüsselreize den Zugang zur Zeit, als sie mitten im Leben standen“, so Rüth.
Deutlich spürbar ist auch die Angst vor einer dramatischen Entwicklung der Demenz: „Für Tochter oder Enkel ist es schockierend und schmerzhaft, wenn die eigene Mutter oder Großmutter sie nicht mehr erkennt“, sagt Kraus. Die Merkfähigkeit sei je nach Stand der Erkrankung kurz, oft nur wenige Minuten.
Verschieden sind auch die Themen der „Zeitensprünge“, wie erschwerte Kommunikation, Wesens- und Verhaltensveränderungen und deren Auswirkungen auf den Alltag.
Die Teilnehmer der Selbsthilfegruppe sind meist selbst um die 50. Sie stehen in der Regel völlig unvorbereitet vor großen Herausforderungen. Es geht um den Erfahrungsaustausch, der entlasten soll.

Aber auch darum, Gefühle wie Ohnmacht, Traurigkeit, Zweifel, Enttäuschung aber auch Ermutigung und Stärkung zu akzeptieren.

Und sie einzuordnen: „Die Angehörigen sind für uns die wichtigsten Fachkräfte in Bezug auf die Bewohner. Sie wissen, um die Gewohnheiten, Prägungen, Vorlieben und Abneigungen ihrer Angehörigen“, sagt Kraus.
Genau diesen Brückenschlag zwischen den Generationen soll das Logo von „Zeitensprünge“ verdeutlichen: das altdeutsch geschriebene „Zeiten“ und das moderne „Sprünge“. Die Uhr steht für die schnelllebige Zeit, die Pfeile für das Hin und Her, also der Verbindung zwischen Gegenwart und Vergangenheit.

Denn, so Kraus: „Unser Zeitgeist wirkt befremdlich und irritierend auf demenziell erkrankte Menschen. Es ist es uns ein Anliegen, Brücken zu bauen, ein Netzwerk zu bilden, in dem der Bewohner sich geborgen und angenommen fühlt.“

Angelika Kraus mit dem Logo "Zeitensprünge"
Angelika Kraus mit dem Logo "Zeitensprünge"

Auszug aus dem Magazin "Gesund durch Homöopathie" Ausgabe 2/2010

Auszug aus dem Magazin "Gesund durch Homöopathie" Ausgabe 2/2010

Gesund durch Homöopathie

Das Kundenmagazin der Deutschen Homöopathie-Union

Gesund ein Leben lang, 6. Folge

„Gefühle werden nicht dement“

Auf dem Tisch vor uns liegt eine schwarze Handtasche, mit schwarzen Perlen kunstvoll bestickt. Sie ist von der Art, wie wir sie fast alle von unseren Großmüttern kennen. Ein Stück „Aus der Zeit“, als unsere Großmütter noch tanzten, als könnte nichts Schlimmes geschehen und als würden sie ewig jung und unverletzlich bleiben. Nun liegt sie hier, diese Handtasche, im Konferenzraum der Senioreneinrichtungen des Landkreises Würzburg, und Angelika Kraus legt ihre Hand darauf und sagt: „Diese Tasche hat eine ganz besondere Geschichte.“ Sie ist Beschäftigungs- und Psychotherapeutin im Lindenhof – dem Teil der Einrichtung, in dem Menschen sich oft kaum an ihr Leben erinnern können… es sei denn, Angelika Kraus kann sich, z. B. mit Hilfe einer solchen Tasche, einen Weg durch das Vergessen bahnen. Ihr Konzept sieht nicht den Menschen mit Demenz, sondern den Menschen mit Demenz. Ihre Finger streichen über die Perlen. „In dem Seniorenstift, in dem ich früher gearbeitet habe, hatte ich vor gut zehn Jahren eine Modenschau der 20er und 30er Jahre vorbereitet. Und weil ich immer nicht abwarten kann, brachte ich den Fundus mit dorthin. Wir saßen vor all den Sachen auf dem Tisch, als plötzlich ein Ruck durch eine alte Dame geht und sie sagt: „Da, da, da ist meine Tasche!“, und ich antworte: „Ja, wie gut, Gott sei Danke haben wir sie gefunden!“ Diese Frau hat den ganzen Nachmittag aus ihrem Leben erzählt. Und da wusste ich: Wenn ich es schaffe, die innere Tür aufzumachen, dann kommen plötzlich glasklare Aussagen von jemanden, der sonst nicht einmal weiß, was er zu Mittag gegessen hat.“ Diese Erkenntnis hat nicht nur das Leben von Angelika Kraus grundlegend verändert, sondern auch das der Menschen mit Demenz, die sie und ihr Team im Lindenhof betreuen. „Hier“, strahlt sie, „habe ich die Möglichkeit, mit Patienten auf diese Weise zu arbeiten. Wenn ich sie tief in ihrem Herzen erreiche, dann entdecke ich auf einmal ihr Potenzial. Ich gehe weg von dem Defizitären der Erkrankung. Ich werde neugierig darauf, bei jedem diese Tür zu finden.“ Die Tasche war der Beginn von dem, was sie „Biografie-Arbeit“ nennt. Sie rief die Tochter der Patientin an und forschte nach, ob es noch irgendwo die Original-Handtasche gäbe. „Sie fand sie tatsächlich, und ich begann, diese Tasche zu bestücken.“ Angelika Kraus öffnet den Verschlussklipp. Zum Vorschein kommen ein weißes Leinentaschentuch mit selbstgehäkelter Spitzenkante, ein Flakon mit 4711, eine Strickliesel und einige Briefe. „Das sind die Angelhaken“, sagt sie. Und wenn sie diese auswirft, dann taucht manchmal aus den dunkelsten Tiefen der Demenzerkrankung die Seele wieder ans Licht.

 

Dem Leben ein Zuhause geben

„Die Geschichte, die unsere Bewohner wissen“, sagt sie, „die muss ich hervorlocken. Die alte Dame zu Beispiel war in den letzten vier Tagen ihres Lebens immobil. Sie ist mit ihren Fingern nur die Perlen abgewandert. Aber es fühlte sich so an, als sei dies alles, was sie brauchte.“ Seitdem schafft die Therapeutin eine eigene, geborgene Welt um die Bewohner. „Alles, was stört, muss weg! Zu jener Zeit fand alles hinter vorgehaltener Hand und hinter verschlossenen Türen statt. Heute ist alles offen, sichtbar, provozierend. Das beginnt mit der Architektur – und endet bei der Unterwäsche.“ Wie um den Punkt zu untermauern, hält sie eine leinene Unterhose mit Spitzenkante vor ihren Körper, die bis zu ihren Waden reicht. „Können Sie sich vorstellen, wie sich das anfühlt: wenn fremde Menschen Sie nackt sehen, waschen, reinigen, während Sie früher selbst vor Ihrer Familie ihren Körper verborgen haben? Hier beginnt für mich die Erhaltung der Würde.“ Für Menschen mit Demenz geht die Orientierung, die Sprache, die Logik verloren. „Aber Gefühle werden nicht dement. Die Angst bleibt, Zorn, Scham, das Bedürfnis nach Intimsphäre.“ Sie werden umso größer, je mehr der Betroffenen unter Stress gerät. So kam die Homöopathie ins Spiel. Sie bringt Ruhe in den aufgewühlten Geist, ebenso wie all die vertrauten Symbole der Vergangenheit im Lindenhof: alte Küchenwaagen und goldumrandete Sammeltassen, karierte Schürzen, Milchkannen und Butterfässer, Zinkwannen und Waschbretter, Weinfässer und Maggi- und Persilwerbungen aus den 50er Jahren.

 

Hab Respekt vor dem anderen

Der Fahrstuhl trägt uns in die gute alte Zeit. An jeder Tür hängt das Foto des Bewohners… von damals, als er oder sie noch jung und kraftvoll waren. Ein Dutzend Menschen, die ihre eigenen Kinder nicht mehr erkennen, singen mit klarer Stimme alle Strophen von „Guten Abend, gute Nacht“. Ein Mann sitzt mit seiner Frau vor dem Fernseher, weil sie dort immer um 15.30 Uhr gesessen haben, und schaut mit einer Intensität in ihr Gesicht, als suche er dort nach einer Spur ihres gemeinsamen Lebens. Er streichelt unablässig ihre Hand. „Menschen mit Demenz spüren genau, ob man ihnen echte Wertschätzung entgegenbringt“, sagt Angelika Kraus. „Wenn nicht, können sie so wütend werden, wie sie mit 18 gewesen sind.“ Wenn ja, können sie auch so lieben.

 

„Interview mit Angelika Kraus“

Psycho- und Beschäftigungstherapeutin im Lindenhof, Senioreineinrichtungen Hubland/Würzburg

Vor drei Jahren kam Angelika Kraus an den Lindenhof in Würzburg, eine spezielle Einrichtung für Menschen mit Demenz. Durch die Initiative der Expertin geht die Verwaltung heute völlig neue Wege in der Geriatrie.

 

Was ist anders bei Ihrer Betreuung von Menschen mit Demenzerkrankung?

Wenn wir diese Menschen begleiten, dann haben wir ein gemeinschaftliches Verständnis, das Betreuer ebenso mit einbezieht wie Familien, ehrenamtliche Helfer und Besucher: Da ist ein Mensch mit einer Geschichte, der einmal ein selbstbestimmtes Leben geführt hat und der sich nach Liebe und Einbindung genauso sehnt wie ein Mensch ohne Demenz.

 

Kann man nach einem bestimmten Muster den Weg zu dem Betroffenen bahnen?

Nein, es gibt kein Schema auch keine Kategorisierung. Man muss sich in jeden Menschen neu hineinspüren – egal, ob er krank ist oder nicht. Ziel unserer Begleitung ist es, Brücken zu bauen und die uns anvertrauten Menschen mit ihrer Geschichte bedingungslos anzunehmen, wertzuschätzen und zu schützen.

 

Sie haben im Lindenhof eine eigene Welt für Menschen mit Demenz gebaut?

Ja, die Auseinandersetzung mit der Biografie hilft, die oben genannten Brücken zu bauen. Jeder ist geprägt von der Zeit, in der er aufgewachsen ist, von seiner Familie, den Umständen, den Erfahrungen. Die biografische Erlebniswelt wird – wie sie sich auch immer darstellt – als gültig angesehen und ist ein Zeichen von Individualität. Wir versuchen, das Verhalten vor dem Hintergrund einer besonderen Lebensgeschichte zu sehen.

 

Was geht in dem Patienten vor?

Im Verlauf der Erkrankung tritt eine Konzentration auf prägnante Ereignisse in den Vordergrund: Menschen, die das Leben geprägt haben wie die Familie und die Ursprungsfamilie; Schwierigkeiten, die gemeistert wurden, Gefahren, denen man nur knapp entkommen ist, Werte, Entbehrungen, stolze Momente. Jeder Mensch hat seine Strategie, mit all dem im Leben zurechtzukommen. Wenn sie wegfällt, ist das ausgesprochen beängstigend. Die innere Organisation verschwindet bei Demenz Stück für Stück. Was jedoch nicht verschwindet, sind Gefühle: Angst, Wut, Hilflosigkeit, Sehnsucht nach Nähe.

 

Wie begegnen Sie diesen Gefühlen?

Mit größtem Respekt. Jeder Mensch braucht Liebe, Trost, Zuwendung, menschliche Bindung und Beschäftigung.

Wie kommunizieren Sie?

Wir benennen Erlebnisse und Gefühle auf ganz einfache Weise wie: „Sie sehen traurig aus…“ Wir würdigen die Wahrnehmung des anderen und lassen sie gelten. Wir versuchen, ihn zu verstehen, auch wenn sein Verhalten sich unserer Logik entzieht. Vertrautheit und Wertschätzung seiner Erlebniswelt schaffen z. B. auch Sinnsprüche wie „Ohne Fleiß kein Preis“ oder „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“.

 

Warum ist die Vergangenheit so wichtig?

Die aktuelle Gegenwart kann nicht mehr realisiert werden, deshalb sind Dinge aus der Prägezeit so wichtig wie alte Möbel, Schürze, Hut, Gebetbuch oder gestickte Handarbeiten. So wird die Vergangenheit zum Heute, das bewältigt werden kann.

 

Welche Erkenntnis haben Sie gewonnen?

Ohne Alternativmedizin kann ich heute keinen Menschen mehr begleiten. Die Vielfalt ist zu groß – ich kann dem einzelnen Menschen sonst nicht gerecht werden. Deshalb haben wir hier ein ganzheitliches Projekt gemeinsam mit den Familien geschaffen, auch in der medizinischen Betreuung.

 

„Sind sie meine Tochter?“

„Die Kinder“, sagt Angelika Kraus, „sind die zweiten Opfer der Demenzerkrankung.“ Eltern – Menschen, die Maßstab waren, Ausrichtung gaben und Werte vermittelten – verschwinden hinter dem eisernen Vorhang des geistigen Verfalls. „Wir bieten Selbsthilfegruppen an, damit Angehörige darüber sprechen können.“ Der Schmerz des Verlustes, die Hilflosigkeit gegenüber der möglichen Aggression, die Angst vor der Sprachlosigkeit: All das sind Themen, die gemeinsam besser zu ertragen und zu verstehen sind als allein. Wenn Sie mehr über die Demenzerkrankung erfahren möchten, empfiehlt die Psychotherapeutin zwei Bücher zum Einstieg:

  1. „Verwirrt nicht die Verwirrten – neue Ansätze geriatrischer Krankenpflege“ von Erwin Böhm, Psychiatrie-Verlag, ISBN 978-3884140970, 15,90 Euro
  2. „Sind Sie meine Tochter? Leben mit einer alzheimerkranken Mutter“ von Gabriela Zander-Schneider. Sie erzählt, welche Auswirkungen die Erkrankung auf ihre Mutter, aber auch sie selbst hat. Rowohlt, ISBN 978-3499621895, 8,95 Euro

 

„Alte Batterie raus, neue Batterie rein.“

Seniorenbetreuung war schon immer ein Thema für sie, ein stiller Traum. Als Angelika Gräfin Wolffskeel, Heilpraktikerin und Homöopathin in Gerchsheim, vor zwölf Jahren Angelika Kraus begegnete – bei einem Seminar für psychologische Gesprächsführung – ,“da hatten zwei Seelen zueinander gefunden“. Ein Herz, ein Gedanke: Aus ihrer gemeinsamen Vision von sanfter, unterstützender Medizin für Menschen mit Demenz ist ein Projekt geworden, das auch von der Verwaltung und den Familien der betroffenen Bewohner im Würzburger Lindenhof aus voller Überzeugung mitgetragen wird. „Es zeichnet ein Team aus, wenn es zulässt, dass etwas Neues ausprobiert wird“, sagt die Gräfin – und behandelt nicht nur die Bewohner, sondern auch die Betreuer und Angehörigen, die bei der intensiven Pflege oft an den Rand ihrer Kräfte geraten.

Wie sieht sie, welches homöopathische Mittel Menschen mit Demenz brauchen, wenn diese sich doch nur schwer oder gar nicht artikulieren können? „Am Verhalten, an der Beschreibung der Familie und natürlich an dem, was das Betreuungsteam beobachtet.“ Gräfin Wollfskeel ist eine der erfahrensten Therapeutinnen auf diesem Sektor: „Am prägnantesten bei diesen Menschen ist der innere Kampf – dies ist die Kampfgeneration. Das führt oft zu einer großen inneren Verkrampfung, die man mit Hilfe homöopathisch aufbereiteter Arzneien sehr gut lösen kann.“ Ein anderer wichtiger Aspekt ist die Kopflastigkeit: „Viele der Patienten machen nur das, was sie kennen und schalten auf stur, wenn sie etwas nicht wollen … so wie wir ja auch oft, wenn wir noch gesund sind.“ Wenn sie die Betreuer im Würzburger Lindenhof schult, dann erzählt sie oft von den inneren Wunden hinter der Demenz: „Manche Patienten sind innerlich völlig erstarrt. Andere sind getrieben durch ihre Erziehung, wieder andere sauer auf sich selbst und das Leben. Da tauchen Fragen auf wie, „Warum ist mein Leben so gelaufen?“ oder „Warum habe ich diese oder jene Chance verpasst?“, und dieses Sauersein zeigt sich auch auf der körperlichen Ebene, durch einen übersäuerten Organismus.“ Natürlich spielt auch die Erschöpfung, die aufgebrauchte Lebenskraft eine zentrale Rolle. „Einer Patientin haben wir eine Arznei gegeben, und es war, als hätten wir die Batterien bei ihr ausgewechselt. Sie war anschließend wie neu.“ Doch manchmal bleibt nur das Abschiednehmen, und auch in dieser letzten Stunde kann Homöopathie die Angst vor dem endgültigen Loslassen lindern.

 

Text: Katrin Reichelt, Redaktionsleitung